– Leseprobe Bienchen summ herum

Die Haxe drehte sich in einer Art Karussell vorbei an orange leuchtenden Heizstäben.

Aufgespießt zwischen weiteren Unterschenkeln von toten Schweinen, floss ihr austretendes Fett in langen Fäden in eine Art Dachrinne unterhalb des Grills.

Die gleißende Sonne brannte grell auf den weißen Stand und erhöhte die Innentemperatur um weitere Grad Celsius.

Der schwitzende Mann hatte die Farbe seines Grillguts. Triefende Tropfen sammelten sich an seiner Stirn, nicht in der Fettrinne. Er holte eine Haxe vom Drehspieß und legte sie auf einen Teller neben ein weißes, rundes Brötchen. Achtlos warf er ein Tütchen Senf dazu.

„Fertig?“, fragte die Frau mit großem Geldbeutel an der Hüfte und nach unten hängenden Mundwinkeln. Sie lehnte an der Imbissbude im Schatten.

„Siehst du doch“, antwortete ihr der Mann am Grill und schob den Teller ein Stück über die Theke.

Sie griff nach dem Rand des Tellers und umfasste mit ihrer anderen Hand die Henkel von fünf Bierkrügen. Ihr Handgelenk knickte ab, trotzdem stemmte sie die halben Liter in Brusthöhe.

Es war nicht weit bis zum ersten Tisch. Dort erwarteten sie leuchtende Gesichter. Rot glühend blickten sie milde aus halb geöffneten Augen.

Vor der Mauer staute sich die Julihitze, dahinter floss träge die Nagold, die zu wenig Wasser führte. Die langen grünen Fadenpflanzen lagen stellenweise trocken und verströmten zusammen mit dem feuchten, rötlichen Flusssand Gerüche einer Kläranlage. Der Wald, die Tannen, waren zu weit entfernt, um Kühle zu spenden.

Das Bier schwappte über den Handrücken der Kellnerin, als sie es wegen des Gewichts zu schnell abstellte.

„Wer bekommt die Haxe?“, fragte sie laut.

„Da hinten, der junge Kerle.“ Der Rufer, vorne auf der rechten Bank, lachte über seinen eigenen Witz, damit dieser auch als solcher erkannt werde.

Dann rieb er sich über seine griechische Nase und sein unrasiertes Kinn. Er trug eine dunkelblaue Arbeitshose und roch nach Kuhstall.

Hinten auf der linken Bierbank streckte ein grauhaariger Mann, unbeeindruckt, dass über ihn gescherzt worden war, seine Arme mit den hochgekrempelten Hemdsärmeln zur Kellnerin.

Sie beugte sich weit über den Tisch, so dass ihr gebräuntes Dekolleté über der Trachtenbluse für alle gut einsehbar war, und hielt ihm den Teller entgegen. Sie musste sich aufstützen, damit sie nicht vornüber fiel.

Die Haare auf den Armen des Mannes waren auch grau und die Haut wellte sich schlaff über den sehnigen Strängen, als er nach der Haxe auf dem Einwegteller griff.

Der nach Stall riechende Komiker mit der griechischen Nase vorne in der rechten Bankreihe griff nach einem der Biergläser und tauschte es mit seinem Leergetrunkenen aus. Als er zu einem Schluck ansetzte, schlug ihm sein Sitznachbar freundschaftlich auf den Rücken, so dass er mit den Zähnen gegen den breiten Rand des globigen Glases stieß.

Der Sitznachbar fragte: „Ist das Bier überhaupt bio, Herr Ökolandwirt?“

Die dunklen Locken klebten verschwitzt um das Gesicht des Biobauern und betonten seine griechische Nase. Er strich über die Bierflecken auf seiner Arbeitshose, als würden diese dadurch verschwinden.

Nun lachte der Grauhaarige von hinten links mit vollem Mund über das Missgeschick des Landwirts, was der Bauer aber nicht einmal zu bemerken schien, denn er rechtfertigte sich in die Runde:

„Ich baue vielleicht bio an, aber deswegen kann ich doch trinken was ich will.“

Er setzte wieder seinen Krug an. Ein paar Tropfen Bier liefen ihm aus dem Mundwinkel. Sie befeuchteten den ausgefransten Kragen seines T-Shirts. Sein Kehlkopf bewegte sich bei den großen Schlucken, die er nahm.

Er stellte sein Glas halb leer wieder ab und fügte hinzu, als hätte er keine Trinkpause eingelegt:

„Mein Nachbar, der Hühnerbaron, isst ja auch nicht nur Grillhähnchen.“

Schweiß perlte dem Biobauern aus dem feuchten Haaransatz und sein Gesicht glänzte. Er zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche seiner Latzhose hervor.

Die Hose trug er immer, außer zum Schlafen und wenn seine Frau mal mit ihm zur Oper wollte. Das geschah nur noch selten. Seit sie den Hof und die Kinder hatten eigentlich fast gar nicht mehr.

Ihm war übel. Er fasste sich kurz an die Brust. Diese Kreislaufschwäche ereilte ihn in letzter Zeit öfter nach Genuss von Alkohol. „Ich will zahlen. Die Hitze hält ja kein Mensch aus.“

Die Kellnerin nahm den Bierdeckel und zählte die Striche ab, von denen jeder eine Halbe Bier symbolisierte. Dann zückte sie einen Block aus der Schürze und nahm den Kugelschreiber, der an einem Faden mit ihrem Gürtel verbunden war. Darauf schrieb sie in großer Schrift Zahlen, die sie addierte.

„Einundzwanzig Euro dreißig, Volker“, verlangte sie.

Volker wischte sich die Stirn. „Ist der Adler heute zu? Du bedienst doch sonst dort.“

Sie nickte und zog den Mund ein wenig breit, was ihre Mundwinkel nicht mehr so hängen ließ. Vom anderen Tisch winkte eine Familie zum Bestellen.

„Ich komme gleich“, rief sie rüber und schnaufte hörbar.

Volker holte aus dem abgegriffenen Lederbeutel langsam zwanzig Euro hervor.

„Stimmt so“, meinte er, obwohl noch Geld fehlte.

Die Tischrunde lachte wie immer über seinen Standardwitz, als hätte er ihn soeben erfunden.

Die Kellnerin reagierte nicht, sondern sah ihn nur mitleidig an.

Er öffnete den Druckknopf für das Fach, in dem das Kleingeld war. „Na gut, wenn Ihr das Geld so dringend braucht, dann sollt Ihr es haben.“

Er sah in die Runde, die gedämpft lächelte während er nach den Münzen griff.  Es strengte ihn an, seine Cents zusammen zu suchen, aber für großzügige Trinkgelder waren die Zeiten zu schlecht. Er fasste tief in das Kleingeldfach. Wenigstens das war noch gefüllt.

Schlagartig durchfuhr ihn dieser schneidende Schmerz, der sich anders anfühlte, als die Verletzungen beim Zäune setzen, doch kannte er den Schmerz nur zu gut.

Neben ihm wohnte der Imker, mit seinen verfluchten Bienen, die im Heu saßen und ihn stachen.

Laut und durchdringend schrie Volker auf, zog seine Hand ruckartig nach hinten. Die Geldmünzen fielen klirrend zu Boden.

Volker starrte seine Hand an. An seiner Fingerkuppe zappelte eine Biene. Sie hatte ihn gestochen und ihr Stachel hing in seiner Haut fest. Sie flog und riss sich los. Taumelnd stürzte sie auf den Tisch und verendete einsam.

Ihr pulsierender Stachelapparat, den sie sich durch ihre Flucht selbst aus dem Körper gerissen hatte, pumpte hingegen noch immer Bienengift in Volkers Fingerkuppe.

Mit seinen rissigen Händen, in denen sich die schwarze Ackererde scheinbar für immer in die Furchen gelegt hatte, entfernte er den Stachel. Er hatte Mühe ihn zu greifen, konnte ihn nur verschwommen sehen und er zitterte.

So schnell wirkte das Bienengift doch sonst nicht. Ihm war schwindlig.

„Du brauchst deine Spritze!“, rief die Kellnerin und blickte ihn entsetzt an.

Die Umsitzenden redeten nicht mehr. Sie starrten alle zu dem ungewöhnlich erregten Volker, ungewöhnlich für einen Bienenstich.

Volker öffnete den Reißverschluss der Brusttasche seiner Latzhose. Zitternd griff er hinein und holte drei Päckchen Papiertaschentücher heraus.

Sein Gesicht schwoll an und er atmete schwer. Schweiß rann über seine leichenblasse Haut.

„Es ist nicht da“, hauchte der Biobauer und zeigte auf die Taschentücher.

Mit einem Schwall erbrach er sich über seine blaue Hose und in sein restliches Bier. Mit weit aufgerissenen Augen ergriff er den Arm der Kellnerin.

„Arzt“, konnte er noch hervor pressen, dann wurde es gnädig dunkel um ihn und er spürte nicht, wie er zur Seite kippte und sich den Kopf am Tisch stieß.

„Hallo, hallo!“ Das Rufen und Tätscheln der Kellnerin nutzte nichts. Volker antwortete nicht. Die Haut in seinem Gesicht war bläulich verfärbt und mit Pusteln übersäht.

Wegen seiner geschwollenen Lider hätte er die Augen auch nur noch schwer öffnen können, wenn er noch bei Bewusstsein wäre.

„Ruft doch endlich einen Krankenwagen!“ Der grauhaarige Mann hatte sich aus seiner Schockstarre gelöst.

Der vielleicht vierzehnjährige Junge vom Nachbartisch tippte auf seinem Smartphone und gab dann seiner Mutter das Telefon, die schnell und undeutlich redete.

Nach wenigen Minuten rief sie in die Runde: „Sie kommen.“

„Das reicht doch nicht mehr“, meinte der Junge, doch niemand antwortete ihm.

Alle lauschten Volkers pfeifenden Atemgeräuschen und hofften, dass seine Bronchien weiter pfeifen mögen.

Und so war es sehr still um Volker, als er aufhörte zu atmen.